"Der Alchimist" von Paulo Coelho – Biancas Welt (2022)

In „Der Alchimist“* von Paulo Coelho geht es um den jungen Schafhirten Santiago, der nachts träumt, dass bei den Pyramiden in Ägypten ein Schatz auf ihn wartet. Als Leser begleitet man ihn auf seiner Reise dorthin, mit allen Rückschlägen und Erfolgen, Enttäuschungen und Überraschungen.

Der Unterschied zwischen Schaf und Mensch

Das erste, was mir beim Lesen aufgefallen ist, ist, wie Santiagos Schafe beschrieben werden und wie Santiago über seine Schafe denkt. Es heißt:

„Das einzige Bedürfnis, das die Schafe hatten, war fressen und trinken. […] Selbst wenn ein Tag dem anderen glich, mit eintönigen Stunden, die sich zwischen Sonnenaufgang und -untergang dahinschleppten, […] sie wären zufrieden mit Wasser und Nahrung, und das würde genügen.“

Kurz darauf spricht Santiago von seinen Eltern:

„Seine Eltern wollten, dass er Priester würde, worauf eine einfache Bauernfamilie Grund hatte, stolz zu sein. Denn auch sie hatten bisher für Nahrung und Wasser gelebt, wie seine Schafe.“

Hier wird hervorgehoben, dass die Schafe keine eigenen Wünsche oder Träume haben und, dass es auch seinen Eltern verwehrt war, für ihre Träume loszugehen. Ich finde, das lässt sich gut in unsere heutige Zeit übertragen. Denn wir leben zum ersten Mal in einer Zeit, in der es nicht darum geht, sein Überleben zu sichern und Angst vor Hunger oder Krieg haben zu müssen, sondern darum, sich selbst zu entfalten, seinen Träumen und seiner Bestimmung zu folgen. Wir haben zum ersten Mal die Möglichkeit, das zu tun.

Das sollte uns daran erinnern, in was für einer privilegierten Welt und Zeit wir leben. Und es erinnert uns daran, dass wir, selbst wenn wir mal eine schwere Zeit durchmachen, es uns so viel besser geht als Generationen vor uns oder auch Menschen in anderen, weniger privilegierten Ländern. Also, wenn du dich selbst bemitleidest, hör auf damit, du bist kein Schaf! Denn Santiago sagt so schön:

„Erst die Möglichkeit einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert.“

Jeder kennt seine Bestimmung

Man merkt beim Lesen von Anfang an, dass Santiago mit dem, was er tut, reisen und Schafe hüten, sehr glücklich ist. Und auch der Alte, dem er am Anfang begegnet, bestätigt, dass er auf dem richtigen Weg ist. Auf die Frage, was er damit meint, erklärt ihm der Alte:

„Es ist das, was du schon immer gerne machen wolltest. Alle Menschen wissen zu Beginn ihrer Jugendzeit, welches ihre innere Bestimmung ist. In diesem Lebensabschnitt ist alles so einfach, und sie haben keine Angst, alles zu erträumen und sich zu wünschen, was sie in ihrem Leben gerne machen würden. Indessen, während die Zeit vergeht, versucht uns eine mysteriöse Kraft davon zu überzeugen, dass es unmöglich sei, den persönlichen Lebensweg zu verwirklichen.“

Diesen Gedanken finde ich sehr spannend. Wenn man die Leute fragt, was ihr Weg, ihre Bestimmung ist oder sogar der Sinn des Lebens, wissen die meisten keine Antwort oder sind noch auf der Suche. Und der Alte sagt, dass jeder als Kind intuitiv wusste, was der eigene Weg ist. Und dann habe ich mich versucht zu erinnern, ob ich in meiner Kindheit auch eine Ahnung von meiner inneren Bestimmung hatte. Erst dachte, nein, aber dann konnte ich mich schon an ein subtiles Gefühl erinnern, das Richtige zu tun, woraus auch Träume und Wünsche für die Zukunft entstanden sind. Und manche davon gibt man auf und manche keimen irgendwann wieder in einem auf. Habt ihr auch solche Erinnerungen an das intuitive Kennen und Folgen des eigenen Wegs aus der Kindheit? Teilt das gerne in den Kommentaren.

Folge deinem Weg und du wirst geführt

Sehr inspirierend finde ich den Moment, in dem Santiago sich klar wird, dass nur er allein sich daran hindert, seinem Traum zu folgen. Denn wenn man alles herunterbricht, aufhört, anderen mehr glauben zu schenken als sich selbst und das Vertrauen hat, dass man auch, wenn man sich für das Unbekannte und Neue entscheidet, immer sicher und geführt ist, dann bleibt da nichts anderes mehr übrig als es sich selbst einfach zu erlauben, für seinen Traum loszugehen. Santiago sagt:

„Wenn Gott die Schafe so gut führt, dann wird er auch den Menschen führen.“

Rückschläge – Umweg oder der Weg zum Ziel?

In Afrika ist das erste, was passiert, dass Santiago ausgeraubt wird. Sein ganzes Geld, das er für den Verkauf seiner treuen, liebgewonnenen Schafe bekommen hat, das er gebraucht hätte, um durch die Wüste zu den Pyramiden zu gelangen, wird ihm am allerersten Tag in einem fremden Land gestohlen. Das war beim ersten Lesen des Buchs damals für mich einer der Gründe, warum ich es wieder weggelegt habe. Ich konnte nicht verstehen, warum Santiago einen solchen Rückschlag hinnehmen muss, obwohl er doch seiner Bestimmung folgt. Ich dachte, das Universum unterstützt alle, die ihrem Lebensweg folgen. Das hatte der Alte gesagt. Was soll denn nun das für eine Botschaft sein? Warum dieser Rückschlag?

Als ich es jetzt nochmal gelesen habe, hab ich mir genau die gleiche Frage wieder gestellt und länger drüber nachgedacht. Und dann kam mir der Gedanke, dass sehr viele Dinge nicht passiert wären, wenn er nicht bestohlen worden wäre. Wie wäre denn seine Reise verlaufen, wenn das nicht passiert wäre? Er wäre nicht mit der Karawane gereist, die er ja nur kannte, weil er bei dem Kristallwarenhändler gearbeitet hat. Santiago hätte dort nicht den Engländer getroffen, der vom Alchimisten in der Oase wusste. Er hätte möglicherweise einen anderen Weg durch die Wüste gewählt und hätte Fatima nie kennengelernt. Und dann war mir klar, dieser vermeintliche Rückschlag ist in Wahrheit einfach nur sein Weg gewesen. Sein Weg zum Schatz. Und anders hätte er nicht genau die Erfahrungen gemacht, die er gemacht hat und gebraucht hat.

Zum Thema Rückschläge ist mir noch etwas eingefallen. Wieso war ich denn so sicher, dass das gestohlene Geld ein Rückschlag ist? Es ist doch nur eine Bewertung, die ich dieser Situation gebe und als negativ einstufe. Dazu gibt es eine chinesische Geschichte, die ich euch hier kurz widergebe:

Eines Tages lief das schönste Pferd eines chinesischen Bauern davon. Alle Nachbarn bedauerten den Bauer und beklagten den Verlust. Nur der Bauer sagte: „Unglück, wer weiß? – Es ist wie es ist!“

Nach einigen Tagen kam sein Pferd zurück und mit ihm kamen einige Wildpferde. Die Nachbarn kamen wieder und beglückwünschten den Bauern. Dieser aber sagte: „Glück, wer weiß? – Es ist wie es ist!“

Als sein Sohn eines der Wildpferde zähmen wollte, wurde er abgeworfen und brach sich ein Bein. Wieder klagten die Nachbarn und sprachen von einem großen Unglück, das ihm widerfahren sei. Der Bauer aber sagte „Unglück, wer weiß? – Es ist wie es ist!“

Kurz darauf kamen die Soldaten des Kaisers, um junge Männer für den Krieg zu rekrutieren. Da der Sohn des Bauern sein Bein gebrochen hatte, taugte er nicht für den Krieg und konnte so daheim bleiben. Die Nachbarn beglückwünschten den Bauern. Dieser aber sagte: „Glück, wer weiß? – Es ist wie es ist!“

Diese Geschichte zeigt schön, wie schnell wir etwas als gut oder schlecht bewerten, ohne zu wissen, ob es sich am Ende nicht als das Beste, was uns passieren konnte, herausstellt. Vielleicht hast du auch schon solche Momente erlebt, die sich wie das Ende der Welt angefühlt haben, aber sich hinterher als riesiger Glücksfall herausgestellt haben. Schreib gerne in die Kommentare, wenn du so etwas schon mal erlebt hast.

Abgesehen davon, dass mich das Thema Rückschläge in diesem Buch sehr beschäftigt hat, finde ich sehr schön, wie Santiago damit umgeht. Natürlich ist er zuerst sehr niedergeschlagen. Doch der Anblick der Steine und der Gedanke an den Alten, der sie ihm gegeben hat, macht ihm wieder Mut. Er sieht, dass er trotz so kurzer Zeit in einem neuen Land, schon so viel mehr Erfahrungen gemacht hat, als jeder andere Hirte machen würde. Das zeigt uns, das es an jeder Situation etwas Positives gibt und wir uns nur dafür öffnen müssen. Es geht immer irgendwie weiter, aber wenn du das Positive erkennst, ist es so viel einfacher.

Der Kristallwarenhändler

Der Kristallwarenhändler ist für mich ein spannender Charakter, denn er zeigt uns die Schwächen, die jeder von uns hat, wenn es ums Verwirklichen unserer Träume geht. Da wäre zum einen, dass er nicht daran glaubt, dass Santiago genügend Geld für die Reise durch die Wüste verdienen kann. Was ja durchaus legitim ist, denn zu dem Zeitpunkt ihres Kennenlernens, läuft das Geschäft des Kristallwarenhändlers nicht gut. Doch Santiago ist nun mal auf seinem Lebensweg unterwegs und schafft es mit seinen Ideen, die Kunden anzulocken und plötzlich ist es nicht mehr unmöglich, dass Geld, das er benötigt, aufzutreiben. Wir alle haben diese begrenzte Vorstellungskraft unseres Verstandes. Aber sie ist nicht die Grenze für das was möglich ist. Pass auf, dass du nicht zu klein denkst und träumst. Wir können alles erreichen und alles erschaffen, auch, wenn wir es uns nicht jetzt noch nicht vorstellen können.

Zum anderen sagt der Kristallwarenhändler folgendes:

„Ich liebe keine Veränderungen. […] Du und ich, wir sind nicht wie der reiche Kaufmann Hassan. Wenn er sich in einer Anschaffung irrt, so berührt ihn das nicht weiter. Aber wenn einer von uns einen Fehler begeht, dann rächt es sich.“

Mit dieser Ansicht über Veränderungen und Fehler, werde ich niemals losgehen und meine Träume verwirklichen. Ich würde immer darauf schauen, dass alles so sicher und komfortabel bleibt, wie es im Moment ist. Das bedeutet auch, dass man über kurz oder lang seine Träume aufgibt. Genau das hat ja der Kristallwarenhändler auch gemacht. Er hatte den Traum, nach Mekka zu reisen und weiß selbst, dass er das niemals tun wird. Das beinhaltet für mich die Botschaft, lerne Veränderungen zu lieben, auch wenn sie unbequem sind, und gehe los für deine Träume.

Der Engländer

Auch zwischen dem Engländer und Santiago wird ein Kontrast gezeichnet. Der Engländer, der auf der Suche nach dem Alchimisten ist, ist überzeugt, dass er die universelle Sprache lernt und die Alchimie versteht, indem er Bücher studiert. Er ist Theoretiker. Santiago hingegen lässt sich von seiner Umgebung lehren. Er sagt, er hat in Andalusien als Hirte von seinen Schafen viel gelernt und nun studiert er auf seiner Reise die Karawane und die Wüste. Oft wird erwähnt, dass Santiago die universelle Sprache versteht. Etwas, was dem Engländer durch seine Bücher nicht gelingt. Das zeigt uns, dass uns Beobachtungen, Erfahrungen und das Offen- und Unvoreingenommensein gegenüber anderen der beste Lehrmeister ist. Wenn ich das in unsere Welt übertrage, dann ist meine Schlussfolgerung daraus, sammel Erfahrungen, leg alle Vorurteile ab und verbring weniger Zeit am Handy und vorm Fernseher. Und wenn du es tust, dann wähle bewusst, was du konsumierst.

Die Weltenseele

Ein wichtiges Element des Buches ist der Begriff der Seele oder der Weltenseele. Im Buch heißt es:

„Alles auf Erden besitze eine Seele, egal, ob es sich um ein Mineral, eine Pflanze oder ein Tier handele oder lediglich um einen Gedanken.
»Alles, was auf Erden existiert, verändert sich ständig, weil die Welt lebt und eine Seele besitzt. Wir sind Teil dieser Seele, aber nur wenige wissen, dass sie stets für uns tätig ist.«“

Diese Auffassung über die Weltenseele erinnert mich stark an „Gespräche mit Gott“ von Neale Donald Walsh. Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Buch mal zu lesen. Es verändert die komplette Sicht auf das Leben. Da ist der grundlegende Gedanke, dass es eine Urseele gibt, die reine Liebe ist und sich selbst erfahren lernen wollte. Wenn es aber nur eins gibt, kann man es nicht erfahren. Deshalb hat die Urseele sich geteilt, die Dualität erschaffen und deshalb steckt in allem, was existiert, ein kleiner Splitter der Urseele. Doch eigentlich ist alles eins und alles kommt vom selben Ursprung, von der Urseele. In „Der Alchimist“* wird das ähnlich beschrieben.

Vielleicht habt ihr ja auch Lust, „Gespräche mit Gott“ in den nächsten Monaten mit der Community zu lesen und zu besprechen. Ihr könnt mir das auf Instagram schreiben.

Fazit

Im Buch gibt es noch so viele offensichtliche und versteckte Weisheiten. Ich habe hier die, die mir persönlich am wichtigsten erschienen sind, mit euch geteilt.

Als Fazit kann ich sagen, „Der Alchimist“* ist ein sehr inspirierendes Buch. Fast jeder Satz und jede Begebenheit steckt voller Weisheit und Inspiration. Ein Buch, das dich zum Nachdenken einlädt und jeder mindestens einmal im Leben gelesen haben sollte.

Was nimmst du dir aus „Der Alchimist“* für dein Leben mit? Teile es gerne in den Kommentaren.

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Author: Melvina Ondricka

Last Updated: 11/08/2022

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